Wenige Länder Europas dürften eine so zwiespältige Wirtschaftsphilosophie aufweisen wie Estland. Seit seiner Unabhängigkeit hat der baltische Staat eine Vielzahl unterschiedlichster Parteien hervorgebracht, deren Ideologie eng mit ihrer wirtschaftlichen Programmatik verbunden ist.

Zwischen Sozialismus und Neoliberalismus

Am auffallendsten dürfte der Unterschied zwischen zwei ökonomischen Ausrichtungen sein, die gleichermaßen Estlands Kurs bestimmen und doch konträrer nicht sein könnten.

Seit der Unabhängigkeitserklärung 1991 bestimmt in Estland die Estnische Zentrumspartei einen sozialistisch angehauchten Kurs. Diese Partei stellt auch den derzeitigen Premierminister Jüri Ratas. Von Grund auf ist sie mit der Partei Vereinigtes Russland gutgestellt und bemüht sich um die sozial schwächer gestellte Bevölkerung Estlands, die sich zu einem großen Teil aus ethnischen Russen zusammensetzt. Jüngst fiel die Partei mit Forderungen für den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel im Tallinner Stadtraum auf, der den individuellen Automobilverkehr eingeschränkt hätte. Auch die Förderung nichtestnischsprachiger Russen und soziale Reformen machte sich die Partei zur Aufgabe.

Ihr gegenüber stehen die Reformierakond, eine Art FDP mit genuiner Regierungsbeteiligung, wie auch die konservative Isamaa. Letztere sorgte für die Einführung der Flat Tax in Estland. In mehreren neoliberalen Vorstößen konnte sich das Land weitgehend von seinen baltischen Nachbarn absetzen und ein kräftiges Wirtschaftswachstum verzeichnen. Doch führten diese Vorstöße auch zu einem Auseinanderklaffen einer bis in die 90er-Jahre relativ homogenen Gesellschaft. Eine elitäre Oberschicht steht somit einer im Vergleich zu Deutschen ärmlichen Unterschicht gegenüber. Parteien wie die Sozialdemokraten oder die Konservative EKRE schließen sich diesen beiden Trends auf ihre eigene Weise an.

Für Ausländer attraktiv?

Die Eröffnung eines Unternehmens in Estland ist wegen der Flat Tax und der noch vergleichsweise niedrigen Lebenskosten vor Ort sinnvoll. Hingegen werden Jobs im Service oder dem Eventmanagement geringfügig entlohnt. Die Lebenshaltungskosten sind auf dem Bereich der Miete und der Stromkosten noch weit unter dem deutschen Niveau, doch Lebensmittel und Unterhaltungsprogramme kosten mittlerweile ähnlich viel wie im westeuropäischen Ausland. Ob man von diesem inneren Unterschied profitieren kann, hängt maßgeblich von der eigenen Position und Erwartung ab.