280.000 Esten, rund 21,7 Prozent der Gesamtbevölkerung Estlands, stehen jüngsten Statistiken zufolge am Rande der Armut. 2,4 Prozent wiederum leben in absoluter Armut. Was bedeutet das für den aufstrebenden Staat im Baltikum?

Armut konnte gesenkt werden, das Armutsrisiko nicht

Estland durchlebte nach dem Zerfall der Sowjetunion ein ähnliches Schicksal wie sein russischer Nachbar. Eine grassierende Ungleichheit innerhalb der estnischen Bevölkerung führte zu einem rasanten Anstieg der Kriminalität in Estland. Schießereien, Schlägereien und mafiöse Machenschaften brachten den Staat in Verruf und führten zu dem noch heute oft angebrachten Vorurteil eines dubiosen Ostblocks. Nur unter erheblichen Kraftakten konnte die estnische Bevölkerung sich den Ruf eines aufgeklärten, modernen Volkes erarbeiten und den Weg in eine zeitgemäße Marktwirtschaft finden.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen seiner sozialistischen Vergangenheit ist dies aber keine soziale Marktwirtschaft wie etwa in Deutschland. Mit der Etablierung der Flat Tax und dem systematischen Abbau veralteter Strukturen war zuallererst der Grundstein für eine gespaltene Gesellschaft gelegt. Die extrem weite Schere zwischen Arm und Reich konnte sich bis heute nicht schließen, kleiner wurde sie auch nicht wirklich. Doch gelang es den ärmeren Teilen der estnischen Bevölkerung, an den neuartigen Arbeitsmöglichkeiten mitzuverdienen, sich durch Bildung der europäischen Elite vor allem im Bereich der Informatik anzunähern und im Notfall durch Auswanderung Glück im westeuropäischen Ausland zu finden.

Hilfe auch vom Staat

Doch auch der Staat trug dazu bei, den Ärmsten zu helfen. Ohne großzügige Pensionen, Lohnerhöhungen und Boni sei der Anteil armer Esten bei 22,7 und der der armutsgefährdeten ungefähr bei 39,1 Prozent der Gesamtbevölkerung zu vermuten, so die estnische Statistikagentur.

Arm ist, wer weniger als 215 Euro im Monat zur Verfügung hat, armutsgefährdet, wem 569 Euro zur Verfügung stehen. Das sind horrend niedrige Summen für ein Land, dessen Preise sich mit denen Deutschlands und Finnlands messen lassen. Viele Esten müssen auf den heimischen Gemüseanbau, Schnapsbrennerei und die Jagd umsteigen. Besonders pensionierten Esten dürfte dies im Alter zunehmend schwerfallen.